Ein Sarikleid nähen (inklusive Tipps)

Ich möchte euch heute zwei Festtagskleider zeigen, die schon seit längerer Zeit fertig sind. Leider hat sich, Corona sei dank, noch keine Gelegenheit ergeben, sie zu tragen. Die Hochzeiten des Sommers (ihrer zwei) fanden im kleinsten Kreis und mit Skype-Schalte statt.

Aber kommen wir zu den Kleidern, die zwei Fimmel von mir vereinen: erstens, Saris, und zweitens, 50er-Jahre-Schnitte – eine populäre Kombination, wie eine kurze Pinterest-Suche zeigt.

Ich habe mittlerweile schon zwei von diesen Kleidern genäht, einmal in Eisblau aus einem dünnen Polyester-Stoff und dann, weil es so viel Spaß gemacht hat, noch einmal aus gelber Seide.

Das hier ist mein erster Versuch, nach dem Schnittmuster für das „Prom Dress“ aus dem „Great British Sewing Bee“ Buch. So sieht die Vorlage aus:

…und das Schnittmuster gibt es zum Download hier. Das Vorderteil wird mit Korsettstäbchen verstärkt – für mich der erste Versuch mit so etwas, aber es funktionierte wirklich erstaunlich gut.

Leider habe ich den Sari vorher nicht fotografiert, und auch die Korsettstäbchen nicht (ich war beim Nähen zu sehr in mein Hörbuch versunken), also müsst ihr mir ihre Existenz jetzt einfach glauben! Das Vorderteil besteht aus drei Teilen, und man näht auf die Nahtzugaben jeweils einen weiteren Stoffstreifen auf, um einen von außen unsichtbaren „Schlauch“ für die Korsettstäbchen zu produzieren. Ich habe die fertigen 8 cm Miederstäbchen von Prym verwendet, welche zufällig die richtige Länge hatten, aber im Nachhinein rausgefunden, dass man Korsettstäbe auch festnähbar und in beliebiger Länge als Meterware kaufen kann. Falls ich noch einmal so ein Projekt in Angriff nehme, würde ich auf jeden Fall auf diese Variante zurückgreifen.

Der Stoff ist ziemlich durchsichtig – das haben Sari-Stoffe, vor allem die in der günstigeren Kategorie, oft an sich, da sie ohnehin in mehreren Lagen gewickelt werden und die Transparenz dann oft sogar gewünscht ist (Lernpunkt für mich: Augen auf beim Einkauf und der Wahl des Schnittmusters).

Um die „Einblicke“ zu reduzieren, habe ich das Mieder mit Stoff aus einem dunkleren Teil des Saris gefüttert und den Rock gedoppelt und, weil dann IMMER noch etwas durchschimmerte, schließlich noch einen Unterrock aus Polyestertaft eingesetzt.

„Innenleben“ des Kleids

Anschließend war von den 5m Stoff immer noch einiges an Resten übrig – also habe ich mir, damit die Schultern bei Bedarf bedeckt werden können, noch ein kleines Cape genäht, nach dem Muster „1940s Style Mini Cape“ von Vera Venus.

Hier noch ein paar Tragefotos aus dem Wohnzimmer:

Und jetzt: Farbwechsel!

Die Story des zweiten Kleids beginnt 2018, als es bei Oxfam in Derby/ UK, wo wir damals wohnten, einen Ausverkauf an indischen Stoffen gab. Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Beitrag über das Glitzerkleid und den Frosch-Jumpsuit?

Jedenfalls kam ich damals sehr stolz unter anderem mit diesem Fund wieder raus: ein Seidensari im Farbton „Mango“ mit goldroter Kante.

Das Schätzchen schlummerte seitdem in der Stoffkiste, weil ich mich einfach nicht herantraute. Zugegeben, er hatte schon einige Wasserflecken…

… aber insgesamt hatte ich zu viel Angst, etwas daran kaputt zu schneiden. Ich nahm ihn ab und zu aus seiner Kiste, um ihn wie ein kleiner hortender Drache anzuschauen und wieder sorgfältig zurück zu falten. Bis dann eines Tages die Schneiderpuppe im Weg stand und bestückt werden wollte…

… und ich dann auch noch ein ideales Schnittmuster dazu fand, McCall 3605, das mit seinem Schal-Schulterteil wie für Sari-Stoffe gemacht ist.

Am Ende bin ich von dem Schnittmuster (wie so oft) ein wenig abgekommen. Das Oberteil habe ich brav nach der „Ein-Schulter-Variante“ genäht und dann die erste Hälfte des Stoffes für den Tellerrock ausgeschnitten. Dabei ist mir aber aufgefallen, dass bei dem runden Zuschnitt sehr viel von der schönen Borte liegen blieb, etwas, das mich schon am Schnitt für das blaue Sarikleid gestört hatte, das am Ende ganz ohne Borten blieb. Außerdem kam der glänzende gelbe Seidenstoff doch am allerbesten zur Geltung, wenn er wie bei einer Sari-Wicklung in vielen Falten fallen durfte. Also wieder zurück zur Schneiderpuppe und den Stecknadeln, um zu versuchen, möglichst viel Stoff im Rock unterzubringen…

Nach einigem Stecken und Umstecken habe ich die durch das Aussschneiden des Tellerrocks entstandene „Schräge“ vorn am Rock belassen, wo sie mit der bereits zugeschnittenen Rockhälfte überlappt. Für den hinteren Teil des Rocks ist der Stoff dann in viele enge Kellerfalten gelegt und gerade fallend festgenäht. Die dabei entstandene Wickeloptik gefällt mir sehr gut und besonders stolz bin ich darauf, dass am Ende vom ganzen Sari nur eine sehr kleine Menge Verschnitt übrig blieb.

Die gesammelten Reste

Das Oberteil ist mit Polyestertaft gefüttert. Zum Glück war die Seide in diesem Fall blickdicht genug, dass sich ein Unterrock erübrigte. Vielleicht nähe ich mir irgendwann noch einen Petticoat für die richtige „50er Optik“. Aber auch so hat der Rock dank der Falten schon ordentlich Volumen.

Das schöne Endstück des Saris, das normalweise über die Schulter drapiert wird und „Pallu“ genannt wird, wollte ich erst, wie im Schnittmuster vorgesehen, an der linken Schulter befestigen. Letztendlich habe ich es dann aber einfach nur längs halbiert und an den kurzen Kanten aneinander genäht und versäubert, um einen losen Schal zu behalten. Den finde ich vielseitiger einsetzbar.

Hier noch ein paar Tragefotos (den Hintergrund und die Beleuchtung müsst ihr mir auch hier verzeihen):

So hängen die beiden Sarikleider jetzt einträchtig nebeneinander im Schrank und warten auf bessere Zeiten… aber auch ohne unmittelbare Nützlichkeit waren es spannende Projekte, bei denen ich viel gelernt habe!

Wenn du dich auch mit dem Gedanken trägst, ein Kleid aus einem Sari zu nähen, würde ich dir folgendes raten:

  • Nähen mit Saris macht Freude, weil man bei guter Wahl ein 5-6m langes Stück Stoff mit Mustervariationen bekommt, die zum Experimentieren einladen. Grob besteht ein Sari meist aus einem weniger aufwendig verzierten Rockteil (das aber meistens einen dekorierten Rand hat), einem reicher verzierten Part, welcher das Vorderteil bildet, und schließlich dem über die Schulter geworfenen, am aufwendigsten gestalteten Pallu. Dazu kommt ein abtrennbares oder schon lose beigelegtes Blusenstück.
  • Beim Kauf unbedingt auf das Material achten (wenn ihr nicht zufällig schon ein Souvenir im Schrank habt, versteht sich). Wie durchsichtig und widerstandsfähig ist es? Der Preis eines Saris orientiert sich, abseits von Designerstücken, vor allem am Material und an der Aufwendigkeit des Dekors. Beim Material werden vor allem Seide, Baumwolle und Kunstfasern angeboten, wobei vor allem bei Online-Händlern auf Amazon oder Etsy Begriffe wie „Silk“ (Seide) oder „Linen“ (Leinen) oft nur den Look bezeichen, nicht aber das Material – z.B. war mein eisblauer Sari, welcher klar aus Kunstfaser besteht, als „Linen“ etikettiert. Der Preis ist eine gute grobe Richtschnur: so sind z.B. 5 m Reinseide für 30 Euro auch für indische Verhältnisse unrealistisch und es wird sich beim verkauften Stück wahrscheinlich um Polyester handeln (womit man natürlich auch nähen kann). Mit Metallic-Garn gewebte Kanten, die als „Zari“ bezeichnet werden, sind sehr dekorativ, kosten aber auch meistens mehr. „Net saris“ (aus durchsichtiger Gaze) sind der letzte Schrei, aber zum Nähen oft ungeeignet.
  • Nicht alles Dekor ist auch nützlich zum Nähen, zum Beispiel können aufgenähte Perlen und anderes Klimbim einem leicht die Nähmaschinennadel zerstören. Hier muss man gut überlegen, wie viel Handnähen man sich aufbürden möchte.
  • Du hast einen Sari gefunden? Super! Als ersten Schritt würde ich empfehlen, ihn zu waschen (außer, es handelt sich um eine sehr empfindliche Seide). Einerseits, um Fabrikgerüche und vor allem bei bedruckten Baumwollsaris oft vorhandene Stärke loszuwerden. Andererseits, um zu sehen, wie viel er einläuft und ausblutet – relevant, wenn es z.B. darum geht, einen Futterstoff zu wählen.
  • Gewaschen und gebügelt? Spätestens jetzt sollte es an die Wahl des Schnittmusters gehen. Hier ist natürlich in erster Linie dein Geschmack gefragt, trotzdem eignen sich einige Sachen mehr oder weniger gut. Saris sind absolut nicht dehnbar, also fallen alle Schnitte für elastische Stoffe (z.B. enge Etuikleider) raus. Nicht von ungefähr gibt es so viele „50er Jahre Sarikleider“, da die weiten schwingenden Röcke und engen Mieder diesem Aspekt des Saris entgegenkommen und gleichzeitig der klassische Schnitt mit den exotischen Mustern einen reizvollen Kontrast ergibt. Aber auch für ein Kostüm oder ein Kleid im Empire- oder A-Linien-Schnitt sind sie gut geeignet. Alternativ kann man natürlich auch einen sehr weit fallenden Schnitt wählen, ein Tunikakleid, einen Kimono oder ein Wickelkleid nähen. Apropos Wickeln: Wie wäre es, vor dem Zuschneiden einmal den Sari als Sari zu wickeln, um ein Gefühl für den Stoff zu bekommen? Dabei ergeben sich eventuell auch neue Design-Ideen… Zahlreiche Youtube-Videos helfen dir dabei und keine Angst, es muss dir keiner zuschauen 😉
  • Wenn du dich für einen Schnitt entschieden hast, sind Einlagen und Futter auf jeden Fall deine Freunde. Nicht nur, weil Saristoffe oft so durchsichtig sind. Sondern auch, weil sie eben nicht zum Schneiden und Nähen konzipiert worden sind und so oft sehr leicht ausfransen. Stellen, die stark beansprucht werden (Schulter- oder Seitennähte, Rock- oder Reißverschlussansätze), daher nach Möglichkeit immer mit Bügelvlies oder Einlage verstärken.
  • Auch beim bestgewählten Schnitt fallen oft noch Reste an, was nicht schlimm ist, da man sie kreativ nutzen kann: ob als Patchworkkissen oder -tasche, Untersetzer, Stofftier oder Geschenktütchen – besser erst mal nicht wegwerfen!

Ich hoffe, euer Interesse geweckt zu haben. Wenn ihr etwas in der Richtung näht, schreibt mir einen Kommentar! Ich würde mich riesig freuen 🙂

Viele Grüße!

Eure Eva


Verlinkt beim Du für Dich Am Donnerstag #172 und Creativsalat!

6 Kommentare

  1. Wow, fantastisch!!!! Und mutig! Ich habe 2wunderschöne sehr dünne gebrauchte Seiden-Saris vor Jahren gekauft und trau mich immer noch nicht dran…sooo dünn!!! Danke für Deine Tipps und Inspiration, jetzt muss ich“nur noch“ Mut sammeln!
    Der gelbe ist der Hammer!!!
    Liebe Grüsse,
    Antje von lelonuk

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Antje, vielen Dank, ich freue mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat. Wie spannend, mit deinen zwei Seidensaris – ich kenne das Gefühl, ich habe hier auch noch einen weiteren sehr dünnen aus Baumwolle herumliegen, bei dem ich noch total unschlüssig bin… Aber mit ein bisschen Mut schaffst du das sicher, du nähst auf deinem Blog ja auf hohem Niveau!! 😮 😀
      Liebe Grüße!
      Eva

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s